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DAS ZEITALTER DES MENSCHEN Nicht erst seit den Amazon-Bränden bekannt: Überall wo es Regenwald gibt, roden die Menschen per Brandrodung – so auch in Indonesien. Full view

DAS ZEITALTER DES MENSCHEN

Von: Dario Vareni

In der heutigen Zeit läuft umweltpolitisch einiges schief, dies ist nicht erst seit Greta und den Amazonas-Bränden bekannt. PanEcos (Ex-) Zivi und Umweltaktivist Dario Vareni erzählt aus seiner Perspektive.

Wir sind eine von ungefähr 10 Millionen Arten von Lebewesen, ohne Frage die Einzige, welche sich Gedanken über die Entwicklung der Erde macht. Und so haben wir kurzerhand beschlossen, eine neue Epoche anzukündigen; das Anthropozän; das Zeitalter des Menschen. Es liegt in der menschlichen Natur, sich selbst ins Zentrum zu rücken. Nicht umsonst glaubten wir während tausenden Jahren, dass wir den Mittelpunkt unseres Sonnensystems darstellen würden und die Menschen die Krone der Schöpfung seien. Allerdings wäre jeder andere Name für das jüngste Zeitalter eine Verschleierung der Realität. Noch nie hat sich die Oberfläche des Planeten schneller verändert, als in der kurzen Zeit, in der Menschen sie beheimaten. Während unsere eigene Population noch immer exponentiell wächst, zwingen wir massenhaft Tier- und Pflanzenarten in die Knie. Das Aussterben von Tier- und Pflanzenarten ist zwar ein wichtiger Bestandteil der Evolution, da es dazu führt, dass sich besser angepasste Arten durchsetzen können und weniger gut angepasste Arten wegsterben. Jedoch steht die Geschwindigkeit, in der wir heute Spezies verschwinden sehen, in keinem Verhältnis zum Normalzustand. Würde die Entwicklung ihren normalen Lauf nehmen, hätten wir, laut einer kürzlich veröffentlichen Studie, seit 1900 neun Wirbeltierarten verloren; in der Realität sind es ca. 477 Arten. Damit bestätigt sich: Uns steht kein grosses Massensterben bevor, wir sind bereits mitten drin. Das Anthropozän beschreibt nicht die Zeit, in der Menschen alles Leben auf dem Planeten beherrschen, sondern in der sie es vernichten.

Das Artensterben und der damit verbundene Biodiversitätsverlust ist inzwischen für den grössten Teil der Bevölkerung ein anerkannter Fakt. Die Ursachen dafür, und vor allem die Konsequenzen für uns, sind jedoch nach wie vor stark umstritten. Gespräche über Umwelt- und Klimaschutz gehen selten über die Eigenverantwortung hinaus. Daraus entsteht oft der Eindruck: «Wer selbst nicht vegan lebt und nicht seit mindestens zehn Jahren aufs Fliegen verzichtet, muss gar nicht erst von Klimaschutz reden.» Schlussendlich wird der Markt die Krise schon zu regeln wissen, es müssen halt einfach genügend Menschen auf nachhaltige Alternativen umsteigen. Solange Menschen noch billige Burger und Fast Fashion kaufen, kann die Krise ja noch nicht so schlimm sein. Und genau da liegt die grosse Schwäche des freien Markts, im Umgang mit der Klimakrise. Ihre Folgen setzen nicht dann ein, wenn wir die Emissionen freisetzen, sondern erst Jahre später. Aus diesem Grund steigen die Durchschnittstemperaturen erst seit geraumer Zeit, aber seither dafür immer schneller. Ein uneingeschränkter Markt würde frühestens reagieren, wenn wir bereits sämtliche Kipppunkte überschritten hätten.

Die Klimakrise ist zwar nicht alleine verantwortlich für das Aussterben unzähliger Tierarten, sie lässt sich aber oftmals auf dieselben Ursachen zurückführen. So stellt zum Beispiel die masslose Abholzung der weltweiten Regenwaldbestände für Tropenholz, Palmöl, Soja und weitere Ressourcen zum einen eine riesige Bedrohung für die unvergleichliche Biodiversität in diesen Regionen dar. Zum anderen belastet sie auch das Klima erheblich, da in diesen Regionen riesige Mengen an CO2 gespeichert sind, welche durch die Abholzung freigesetzt werden. Ausserdem nehmen die gerodeten Flächen viel weniger CO2 auf als ein gesunder Regenwald. Die grösste Bedrohung für Tier- und Pflanzenarten geht jedoch bereits heute von der Klimaveränderung aus. Insbesondere marine Ökosysteme, welche über lange Zeit hinweg von den Menschen so gut wie unberührt blieben, leiden stark unter den klimatischen Veränderungen. In Folge der erhöhten CO2-Konzentrationen in der Atmosphäre übersäuern die Ozeane, da sie mehr Kohlendioxid aufnehmen, was anschliessend in einer chemischen Reaktion mit Wasser in Kohlensäure umgewandelt wird. Diese Übersäuerung ist der Grund dafür, dass man überall auf der Welt das Bleichen und darauffolgende Absterben von Korallen beobachten kann. Diese sehr sensiblen Organismen können sich kaum an die schnellen Veränderungen anpassen. Mit den Korallen verschwinden auch unzählige Tierarten, welche auf diese einzigartigen Ökosysteme als Lebensraum angewiesen sind. Dasselbe gilt für viele arktische Lebensräume, die sich aufgrund der globalen Erwärmung drastisch verändern, was für Tier und Umwelt eine grosse Herausforderung darstellt.

Wir befinden uns an einem entscheidenden Punkt der Menschheitsgeschichte. Wenn im kommenden Jahr nicht die notwendigen politischen Massnahmen auf globaler Ebene beschlossen werden, dürfte es bald zu spät sein. Was jetzt zählt, ist eine klare Sicht. Der effizienteste Tierschutz ist Klimaschutz, denn nichts bedroht Tierarten so sehr wie die Klimaveränderung. Mit diesem Hintergrund stehen auch Tier- und Artenschutzorganisationen in der Verantwortung, denn es liegt an ihnen, die Menschen richtig zu informieren. Überall auf der Welt leisten Programme und Projekte wie die Greifvogelstation in Berg am Irchel und das Sumatra-Orang-Utan-Programm wichtige Einsätze für die dort ansässigen Tiere, die oft mit immer widrigeren Umweltbedingungen zu kämpfen haben. Das wahre Potenzial dieser Organisationen liegt in der Sensibilisierung. Viele Menschen, die ein Herz für Tiere haben und sie schützen wollen, sind sich des Ausmasses der Klimakrise nicht bewusst. Wenn es den Organisationen gelingt, diese Menschen auf die Problematik aufmerksam zu machen, sind wir einem gesellschaftlichen Umdenken, welches wir jetzt benötigen, bereits einen Schritt näher. Die Stiftung PanEco dient dabei als gutes Beispiel. Sie betreibt zwei Auffang- und Pflegestationen, ein Naturzentrum und ist Mitglied der Klima-Allianz, einem Schweizer Bündnis zur Bekämpfung der Klimakrise. Nicht zuletzt aus diesem Grund habe ich mich entschieden, einen Teil meines Zivildiensteinsatzes auf der Greifvogelstation Berg am Irchel, welche zur Stiftung PanEco gehört, zu absolvieren.

Seit ich denken kann, liegt mir der Umweltschutz am Herzen. Weil ich es nicht mitansehen konnte, wie die Umwelt und die Tiere, von denen ich so fasziniert bin, unter den menschlichen Einflüssen leiden, begann ich mich schon früh mit der Thematik auseinanderzusetzen. Momentan engagiere ich mich stark in der Klimastreik-Bewegung, bereits seit sie im Dezember letzten Jahres ihren Anfang nahm. In einigen Jahren werde ich Meeresbiologie studieren, weil mich nichts auf der Welt so begeistert, wie die atemberaubende Schönheit von Korallenriffen und die Vielfalt ihrer Bewohner. Zu wissen, dass zu dem Zeitpunkt, an dem ich mein Studium beenden werde, alle Korallenriffe auf der ganzen Welt Vergangenheit sein werden, wenn sich an der momentanen Entwicklung nichts verändert, macht mich wütend und traurig. In der Klimabewegung habe ich einen Ort gefunden, an dem ich meine Wut und meine Trauer in Forderungen umwandeln kann. Ich fordere, zusammen mit Millionen von Menschen auf der gesamten Erde, dass auch meine Generation ein Recht auf eine Zukunft hat, von der es sich lohnt zu träumen.

> Sei dabei! Nationale Klima-Demo in Bern am 28. September!