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OPTIMIERTER WIEDERANSIEDLUNGSPROZESS

von: Nicole Bosshard

Einst gefangen, erkrankt und/oder verletzt – klettern dereinst die Orang-Utans wieder vollständig auf sich selbst gestellt in den Bäumen des Regenwalds. Ab dem neuem Jahr wird dieser Wiederansiedlungsprozess in unserem Orang-Utan-Schutzprogramm optimiert.

Schritt 1: Die Rehabilitation

Orang-Utans in Sumatra, welche als Haustiere gehalten und/oder aus ihrem angestammten Lebensraum vertrieben wurden und das Glück hatten, gerettet zu werden, kommen in unsere Auffang- und Pflegestation. Dort werden sie medizinisch behandelt, sodass Krankheiten und Verletzungen heilen können. Doch die physische Gesundheit ist nicht der einzig anzuschauende Punkt. Oftmals sind es die psychischen Verletzungen, welche intensive Pflege brauchen. Die Traumatas, welche die Menschenaffen häufig erleiden, sind schwerwiegend. Um diese zu verarbeiten, braucht es viel Geduld. Die Orang-Utans durchlaufen in der Station verschiedene Phasen; von der Quarantäne bis zur Sozialisierung mit den Artgenossen. In dieser Zeit stehen sie unter genauer Beobachtung. Pflegerinnen und Pfleger sowie Tierärztinnen und Tierärzte beurteilen ihre physische und mentale Gesundheit immer wieder neu.
Die zu verbringende Zeit in der Auffang- und Pflegestation ist sehr individuell. Sehr junge Tiere bleiben bis zu einem Alter von mindestens fünf Jahren in der Station. Diese Zeit brauchen sie, um alle Fähigkeiten für das Überleben im Wald zu erlernen. Dazu zählen Fertigkeiten wie Klettern, (Schlaf-) Nester bauen und Futter finden. Darüber hinaus sollten sie jedoch auch genügend neugierig, unabhängig von den Pflegerinnen und Pflegern und anderen Orang-Utans, selbstsicher und mutig sein, damit sie alleine in den Weiten des tropischen Regenwalds zu Recht kommen können.
In der Auffang- und Pflegestation verbringen die Auswilderungskandidaten die letzte Zeit zusammen mit anderen Orang-Utans im sogenannten «Sozialisierungsgehege». In diesem sehr grosszügigen Gehege können sie miteinander interagieren, klettern und spielen. Einmal pro Woche dürfen die Tiere in die «Regenwaldschule». Das ist ein Areal auf dem Gelände der Station, wo die Orang-Utans unter Aufsicht in Bäumen klettern können. Dieses Waldstück eignet sich auf Grund von seiner Grösse und Beschaffenheit jedoch nur bedingt für eine abschliessende Beurteilung zur Freilassung. Ob ein Orang-Utan für die Freiheit tatsächlich bereit ist, wird sich erst im nächsten Schritt zeigen.

Schritt 2: Die Eingewöhnung

Tiere, welche gesund sind und sich im Verhalten reif genug für das selbstständige Überleben zeigen, werden in eine Auswilderungsstation gebracht. Wir betreiben zwei dieser Stationen, die eine befindet sich in Jantho (im Norden der Insel) und die andere in Jambi (weiter südlich). Die Tiere werden in derjenigen Station ausgewildert, die sich näher bei ihrem Fundort befindet.
Für die Auswilderungsstation in Jantho wurde nun der Wiederansiedlungsprozess optimiert. Die Kandidaten aus der Auffang- und Pflegestation werden hierhin gebracht, wo sie zunächst in einem Auswilderungsgehege in einem isolierten Regenwaldgebiet untergebracht werden. Dieses Waldstück ist durch den Fluss, durch eine Savanne und durch das Forschungscamp vom restlichen Regenwald abgegrenzt. Das ist optimal, denn so können die Betreuer die Orang-Utans optimal im isolierten Teil des Waldes beurteilen. Auf diesem Gelände befinden sich auch, die für die Tiere gewohnten, Gehege. In diesen gewöhnen sie sich vorerst an die neue Umgebung, an die Gerüche und Geräusche. Dann werden die Tore geöffnet und die Orang-Utans können sich frei im mehrere Hektar grossen Gebiet, bewegen. Auf Schritt und Tritt werden Sie dabei von Mitarbeitern begleitet. Der Orang-Utan kann sich in dieser Phase beweisen: Kann er zielsicher von Baumkrone zu Baumkrone klettern? Ist er in der Lage, ein stabiles Nest zu bauen? Findet er genügend Futter? Ist er genügend selbstständig, um sich von den Menschen zu lösen? Falls die Fragen noch nicht zweifelsfrei beantwortet werden können, werden die Orang-Utans hier nochmals geduldig an ihr künftiges Leben herangeführt.
Diese Vorgehensweise hat einige Vorteile. Das Waldstück ist um einiges grösser, als der Bereich der Regenwaldschule in der Auffang- und Pflegestation und kommt damit dem künftigen Lebensraum extrem nahe. Durch die Begrenztheit des Waldstückes lassen sich die Orang-Utans optimal beobachten und beurteilen. Dieses Eingewöhnungsgebiet befindet sich, getrennt durch einen Fluss, unmittelbar neben dem Auswilderungsgebiet. Die Bedingungen (Vegetation, Futterangebot) können von den Tieren so perfekt assimiliert werden.

Schritt 3: Die Wiederansiedlung

Werden die Tiere wiederum als reif genug für die Freilassung beurteilt, werden sie über den Fluss zur Wiederansiedlung gebracht. Von nun an, haben sie keine menschliche Betreuung mehr nötig, sie sind vollständig auf sich alleine gestellt. Die Freilassung erfolgt wiederum aus einem Gehege mit offener Türe, von da aus können die Kandidaten sich auf in die Wildnis machen. Die Station befindet sich im Jantho Naturreservat, das über den Ulu Masen-Nationalpark mit dem riesigen Leuser-Ökosystem verbunden ist. Die Orang-Utans können sich also nach ihrer Freilassung in die Tiefen dieses Naturschutzgebiets zurückziehen und fortan ein freies Leben führen. Auch hier werden die Orang-Utans nach ihrer Wiederansiedlung täglich vom Monitoring-Team der Station diskret überwacht. So werden Daten über ihr Verhalten, die Nahrungsaufnahme sowie ihre soziale Kompetenzen gesammelt. Diese Daten dienen der Forschung und geben Aufschluss darüber, ob es den ausgewilderten Tieren gut geht oder ob Anpassungen im Auswilderungsprozess nötig sind.

Fazit
Den Orang-Utans verbesserte Bedingungen für Ihre Auswilderung zu ermöglichen, ist für unsere Arbeit essentiell. Bisher konnten wir über 274 Tiere wiederansiedeln, 114 davon in Jantho und diese Tiere sind im Begriff, eine eigene, genetisch unabhängige und damit überlebensfähige Population Sumatra-Orang-Utans zu bilden. Bei nur noch wenig sehr wenigen verbleibenden Orang-Utan- Populationen kann das für die Art überlebenswichtig sein!

 

 

 

Die Frau hinter dem Ganzen: Zusammengefasst erzählt euch Dr. Citrakasih Nente in eigenen Worten was hinter dem optimierten Wiederansiedlungsprozess steckt. Citra arbeitet seit 2017 für das Schutzprogramm. Die Veterinärin sammelte bereits jahrelang Erfahrung in der Arbeit mit Orang-Utans in Borneo, bevor sie zu uns stiess. In ihrer Funktion ist sie Prozessverantwortliche der Wiederansiedlung.