Topbar widget area empty.

SOLANGE PALMÖL DEN REGENWALD ZERSTÖRT: NEIN ZUM FREIHANDELSABKOMMEN

von: Irena Wettstein

Am 7. März 2021 haben die Stimmbürger*innen die Wahl: Soll die Schweiz ein Freihandelsabkommen mit Indonesien eingehen Ja oder Nein? Umstrittener Punkt dabei ist das Palmöl. Im Abkommen ist eine Zollreduktion für Palmölimporte inbegriffen, sofern die Produktion des Palmöls gewisse Nachhaltigkeitsstandards erfüllt. Diese Standards werden jedoch heftig kritisiert, da die Produktion den Regenwald zerstört und für erhebliche ökologische und soziale Probleme sorgt. Deshalb hat die Organisation Uniterre das Referendum gegen das Abkommen ergriffen. Verschiedene Schweizer NGOs unterstützen das Referendum, darunter auch die Stiftung PanEco zusammen mit dem Bruno Manser Fonds, Greenpeace und Pro Natura. Ein Ja zum Freihandelsabkommen ist klar ein falsches Signal an die Palmölindustrie, den aktuellen Kurs fortzusetzen und weiterhin Palmöl im grossen Stil anzubauen – auf Kosten des Regenwaldes und unter dem Deckmantel der Nachhaltigkeit.

Das Schweizer Online-Portal für Natur- und Umweltschutz, naturschutz.ch, hat PanEco zum Interview gebeten. Irena Wettstein, Co-Geschäftsleiterin der Stiftung PanEco, ist Rede und Antwort gestanden.

Ennia Bosshard (EB), naturschutz.ch: Was macht eigentlich Nachhaltigkeit bei Palmöl genau aus?

Irena Wettstein (IW): Im Idealfall wird Palmöl von Kleinbauern in Gemischtkulturen angebaut. Wenn kleinräumlich gedacht wird und die Wertschöpfungskette zurückverfolgt werden kann, kann man von einer gewissen nachhaltigen Produktion ausgehen. Wenn Palmöl hingegen von grossen Konzernen in Monokulturen angebaut wird, kann man davon ausgehen, dass es nicht nachhaltig ist.

EB: Also gibt es nachhaltiges Palmöl?

IW: Ja, es gibt nachhaltiges Palmöl – in Afrika gibt es einige sehr gute Beispiele für den nachhaltigen Anbau von Palmöl in kleinräumlichen und gemischten Kulturen. In Indonesien gibt es leider nur sehr wenige Beispiele davon. Leider wird dort das meiste Palmöl, auch das zertifizierte, in grossen Monokulturen und von grossen Konzernen angebaut. Von Nachhaltigkeit kann man da nicht sprechen. Kleinbauern können sich die Zertifizierungen nicht leisten. Es sind die grossen Unternehmen, die von solchen Zertifizierungen profitieren – Kleinbauern und die lokale Bevölkerung hingegen gehören zu den Verlierern. Deshalb hat Uniterre das Referendum gegen das Freihandelsabkommen lanciert.

EB: Weshalb habt ihr euch gegen das Freihandelsabkommen positioniert?

IW: Die Zertifikate, die beim Freihandelsabkommen berücksichtigt werden – beispielsweise die «Roundtable on Sustainable Palm Oil» (RSPO) Zertifizierung – können Nachhaltigkeit momentan noch nicht garantieren. Das sehen wir in unserer Arbeit vor Ort tagtäglich. Mit dem PPM-Ansatz (process and production method) wird erstmals in einem Freihandelsabkommen berücksichtigt, unter welchen Verhältnissen das importierte Produkt, in diesem Fall Palmöl, hergestellt wird. Dieser Ansatz ist höchst vielversprechend und innovativ. Aber konkret auf die Palmölproduktion in Indonesien angewendet funktioniert der Ansatz leider noch nicht. Denn der Handelsansatz geht davon aus, dass in Indonesien bereits nachhaltige Wertschöpfungsketten existieren und die zuverlässig zertifiziert wird, sodass der Importeur der Zertifizierung vertrauen kann. Wenn das funktioniert, ist dieser Ansatz interessant. Aber die Palmölproduktion in Indonesien ist noch nicht nachhaltig.

EB: Generell wird der RSPO Nachhaltigkeitsstandard heftig kritisiert. PanEco war seit der Gründung von RSPO Mitglied, was euch einen guten Einblick in die Organisation verschafft hat. Ihr habt euch dann aber im Mai 2016 als erste Umweltschutzorganisation von RSPO abgewendet. Warum?

IW: RSPO ist eine sehr gute Idee, aber in den 18 Jahren des Bestehens von RSPO konnte die Organisation ihren Zielen nicht annähernd gerecht werden. Jahrelang hat es praktisch keine Verbesserungen gegeben. Problematisch sind nicht in erster Linie die Standards – diese wurden auch 2018 verbessert -, sondern die Struktur. Es mangelt an der Umsetzung, Überprüfung, Kontrolle und Verfolgung von Vergehen gegen die Standards. Wenn beispielsweise ein Mitglied gegen die Standards verstösst und Regenwald für die Palmölproduktion abbrennt, so mangelt es an wirkungsvollen Sanktionsmechanismen. Das Mitglied wird zwar manchmal für einige Zeit von RSPO ausgeschlossen – aber oft ist es nach kurzer Zeit wieder mit dabei. Ausserdem machen Plantagenbetreiber, Händler und industrielle Abnehmer von Palmöl den Grossteil der Mitglieder des RSPO aus. Diese verfolgen natürlich ihre eigenen Interessen. Nur gerade 1% (41.996 ha) der total zertifizierten Anbauflächen werden von unabhängigen Kleinbauern bewirtschaftet. Und dies wiederum war nur möglich durch die finanzielle Unterstützung zweier holländischen Hilfsorganisationen.

Der ausschlaggebende Punkt für unseren Austritt war eine Änderung der Mitgliederregeln, als es nicht mehr erlaubt war, sich als Mitglied negativ über RSPO zu äussern. Wenn wir etwas nicht kritisch hinterfragen dürfen, sehen wir kein Potential für Verbesserung – und wir unterstützen kein Greenwashing. Wir haben weiterhin ein grosses Interesse daran, dass Palmöl nachhaltiger angebaut werden kann. Um das zu ermöglichen braucht es Nachhaltigkeitszertifikate wie RSPO oder POIG (Palm Oil Innovation Group). Und es gibt Zeichen für Verbesserungen: 2018 wurden z.B. die RSPO Standard überarbeitet. Momentan zeigt dies zwar noch keine positiven Auswirkungen, aber solche Veränderungen brauchen immer auch Zeit – und Druck von Seiten der Zivilbevölkerung und idealerweise auch von Wirtschaftsplayern.

EB: Als Mitglied der Schweizer Palmöl-Koalition habt ihr zusammen mit vielen anderen Schweizer NGOs den Ausschluss von Palmöl aus dem Freihandelsabkommen mit Indonesien gefordert. Nun scheint die Koalition gespalten. Weshalb unterstützt nur ein Teil der Koalition das Referendum?

IW: Wir haben alle die gleichen Argumente, die für und gegen das Abkommen sprechen. Jeder Akteur, ob dafür oder dagegen, ist wichtig in dieser Diskussion, um die Aufmerksamkeit auf dieses wichtige Thema zu lenken und Druck auszuüben. Die Koalition ist nicht gespalten, je nach Ausrichtung der jeweiligen Organisation haben wir jedoch verschiedene Schwerpunkte gesetzt, daher kommen die unterschiedlichen Parolen. Für uns als Regenwaldschutzorganisation ist klar, dass wir nicht hinter einem Ja an der Abstimmung stehen können. Wenn wir das Freihandelsabkommen annehmen, so setzen wir ein falsches Zeichen. Das Abkommen wird die Nachfrage nach Palmöl steigern – das ist ja der Sinn von Freihandelsabkommen im generellen. Eine erhöhte Nachfrage nach Palmöl geht auf Kosten des Regenwalds unter dem Deckmantel der Nachhaltigkeit. Diese Nachhaltigkeit ist jedoch aktuell nicht gegeben, es wäre also bloss Greenwashing. Wir möchten uns stattdessen lieber für die Entwicklung von wirklich nachhaltig angebautem Palmöl stark machen.

EB: PanEco ist seit vielen Jahren mit verschiedenen Projekten in Indonesien tätig. Was sagen eigentlich lokale Umweltschutzorganisationen zum Freihandelsabkommen?

IW: Auch Indonesische NGOs haben stark gegen das Freihandelsabkommen gekämpft – und tun es immernoch. Die Grundfrage für die lokalen Organisationen ist, ob Agrarprodukte überhaupt in einem Freihandelsabkommen geregelt werden können. Denn für die Produktion leiht uns die indonesische Bevölkerung ihren Boden, um für uns Nahrungsmittelprodukte darauf anzubauen. Das gefährdet die lokale Ernährungssouveränität. Ausserdem landet das Geld nicht bei der lokalen Bevölkerung, sondern bei grossen Konzernen – das heisst, oft ausserhalb des Landes. Besondere Sorge bereitet vielen lokalen Menschenrechts- und Umweltorganisationen die Situation in Westpapua. Dort wird die Umwandlung des Regenwalds in riesigen Schritten vorangetrieben – auf Kosten der Natur und der traditionellen Lebensweise vieler noch existierender indigenen Völker. Wenn Kleinbauern sich von den Grossunternehmen anstellen lassen, sind sie abhängig von deren Löhnen und Zielsetzungen. Teilweise fordern die Grossunternehmen unrealistische Produktionsziele, sodass die gesamte Familie mithelfen muss, um sie zu erreichen. Werden die Ziele nicht erreicht, kommt auch nicht der volle Lohn. Dies führt indirekt zu Kinderarbeit. Ich möchte damit zeigen: Das Palmöl-Problem ist extrem komplex. Kann man eine nachhaltige Produktion durch ein Freihandelsabkommen garantieren? Unserer Meinung nach lautet die Antwort Nein. Zuerst müssen wir daran arbeiten, dass nachhaltige Wertschöpfungsketten vorhanden sind.

EB: Noch eine letzte Frage, die ein bisschen weg von der Diskussion über die Abstimmung hin zu praktischeren Alltagsfragen führt. Du hast betont, dass PanEco nicht per se gegen Palmöl ist, aber dass momentan keine nachhaltige Produktion garantiert werden kann. Was würdest du Konsument*innen raten, die möglichst nachhaltig einkaufen möchten? Boykottierung von Palmöl oder doch besser auf nachhaltiges Palmöl setzen?

IW: Um es möglichst einfach zu halten, raten wir Konsument*innen, sich für Produkte ohne Palmöl zu entscheiden und für Non-Food-Artikel das App Codecheck zu nutzen. Generell gilt für einen nachhaltigen Lebensstil frisch, saisonal und regional einzukaufen und selber zu kochen – damit ist der Palmölverbrauch bereits stark minimiert. Für Alternativen zu Palmöl empfehlen wir inländische Öle, beispielsweise Rapsöl. Wer sich Zeit nehmen kann und die Energie hat, dem raten wir sich beim Hersteller zu informieren, woher das Palmöl kommt. Wie anfangs schon erwähnt, ist es relativ einfach: Wenn der Hersteller nachweisen kann, woher das Palmöl kommt und dass es biologisch, kleinflächig oder in Gemischtkulturen angebaut wurde, dann ist die Chance auf eine nachhaltige Produktion gross. Rapunzel beispielsweise hat Palmöl aus einer nachhaltigen Initiative in Afrika. Das sollte man wirklich fördern! Es gibt keinen Weg ohne Palmöl, aber es gibt einen Weg mit allgemein reduziertem Konsum und nachhaltigem Palmöl. Daran müssen wir alle gemeinsam arbeiten.