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WOLFSMILCHGEWÄCHSE IN DEN THURAUEN

Der Frühling hält Einzug in den Thurauen und mit ihm auch zahlreiche Wolfsmilchgewächse. Erfahren Sie viel Wissenswertes über diese Pflanzenfamilie.

Von: Annemarie Brennwald

Die Pflanzenfamilie der Wolfsmilchgewächse (Euphorbiaceae) ist die sechstgrösste Pflanzenfamilie der Welt. Sie umfasst rund 240 Gattungen mit rund 6000 Arten in einer der grössten und vielfältigsten Ordnungen der Bedecktsamigen Pflanzen, der Malpighienarten (Malpighiales). Innerhalb dieser Ordnung finden sich noch weitere bekannte Pflanzenfamilien wie die Weidengewächse (Salicaceae) und die Veilchengewächse (Violaceae).

Die Wolfsmilchgewächse sind weltweit verbreitet aber überwiegend tropisch im indomalayischen Raum und in den neuweltlichen Tropen. Aber auch aussertropisch im Mittelmeerraum, Südafrika und Südamerika kommen sie häufig vor, z. B. die Gattung Wolfsmilch (Euphorbia). Schon bei Plinius (1. Jh. n. Chr.) findet man den Namen Euphorbia. Dieser soll ein mauretanischer König seinem Leibarzt Euphorbos zu Ehren gegeben haben, weil dieser die Heilkraft der Pflanze entdeckt hatte.

Die Euphorbiaceae sind sehr vielgestaltig. Neben ein- oder mehrjährigen krautigen Pflanzen kommen auch verholzende Sträucher und Bäume vor. Kakteenartige, stammsukkulente (von lateinisch succus=Saft) Arten trifft man vor allem auf den Kanarischen Inseln oder in Südafrika an. Wolfsmilchgewächse können kahl oder behaart und mit oder ohne Dorn ausgestattet sein. Die Blüten der Wolfsmilchgewächse sind immer eingeschlechtlich. Es kommen einhäusige, monözische (z. B. Wolfsmilch Euphorbia) und zweihäusige, diözische Gattungen vor, z. B. Bingelkraut (Mercurialis). Bestäubt werden die Blüten meist durch Fliegen, seltener durch Bienen, Wespen, Hummeln, Käfer oder Ameisen. Die Früchte der Euphorbiaceae nennt man Spaltfrüchte. Reif zerfallen sie in drei Teilfrüchte, sogenannte Kokken.

Der giftige, weisse Milchsaft ist ausser bei wenigen Arten, z. B. Bingelkraut (Mercurialis), ein weiteres Merkmal der Euphorbiaceae. Das flüssige, milchig-trübe Sekret, das in der Pflanze in Milchröhren gebildet und transportiert wird, ist mehr oder weniger dickflüssig. Der Milchsaft ist artspezifisch, besteht aus Triterpenen (Euphorbon), Stärke, Glykosiden, Alkaloiden und ätherischen Ölen. Wachse, Gummiharze, Proteine und verschiedene Enzyme kommen ebenfalls in verschiedenen Anteilen vor. Alle Pflanzenteile enthalten diesen Milchsaft, der bei der kleinsten Verletzung der Pflanze austritt und aushärtet. Somit hat er zwei wichtige Schutzfunktionen inne: Wundverschluss und Frassschutz.

In der Antike und im Mittelalter wurden Pflanzen mit Milchsaft häufig als Zauber- oder Hexenpflanzen betrachtet. Rezepte von Hexenflugsalben enthielten unter anderem Wolfsmilch. Der Milchsaft der Euphorbiaceae wurde demnach als «Hexenmilch» betitelt. Vor allem die Kreuzblättrige Wolfsmilch (Euphorbia lathyris), bekannt unter dem Trivialnamen «Springwurzel», wurde als Zauberpflanze eingesetzt.

Der Milchsaft spielte auch in der Volksmedizin eine grosse Rolle. Er wurde zur Heilung von verletzten Sehnen eingesetzt, als Salbe gegen Krankheiten des Kopfs, des Magens und der Blase (Brech-, Abführmittel). Nervenkrankheiten, Lähmungen und Migräne wurden damit behandelt, Ischias und Gelbsucht ebenso. Bei innerer und äusserer Anwendung beim Menschen kann der Milchsaft jedoch heftige Reizungen, entzündliche Reaktionen auf Haut und Schleimhaut hervorrufen. Deshalb wird dieser zur heutigen Zeit kaum mehr eingesetzt. Der Milchsaft enthält aber auch wirtschaftlich interessante Substanzen, nämlich Kautschuk. Die bekannteste Nutzpflanze der Wolfsmilchgewächse ist der Kautschukbaum (Hevea brasiliensis), der wichtigste Lieferant pflanzlichen Gummis.

Zu nennen sind weitere wichtige Gattungen der Euphorbiaceae im Nutzpflanzen- und vor allem Zierpflanzenbereich:

Gattung EuphorbiaWeihnachtsstern (Euphorbia pulcherrima)Zimmerpflanze
Christusdorn (Euphorbia milii)Zimmerpflanze
Leuchtende Wolfsmilch (Euphorbia fulgens)Zimmerpflanze
Gattung RicinusWunderbaum (Ricinus communis)Pharmazie, Öl
Gattung ManihotManiok (Manihot esculenta)Stärkelieferant

 

Die Wolfsmilchgewächse in Mitteleuropa gehören häufig zur Gattung Wolfsmilch Euphorbia. In den Thurauen findet man vor allem Arten der Gattungen Wolfsmilch Euphorbia und Bingelkraut Mercurialis.

Zypressenblättrige Wolfsmilch (Euphorbia cyparissias)


15-50 cm hoch, mit zahlreichen Stängeln, unten verholzt, unter dem Blütenstand mit nichtblühenden Seitentrieben. Blätter lineal, 1,5–3 cm lang und 2–3 mm breit, am Grund verschmälert. Blütenstand 10–20-strahlig, Strahlen nicht oder nur einmal verzweigt. Tragblätter dreieckig bis halbkreisförmig, nicht verwachsen, hellgelb, oft rot werdend. Hüllbecher mit sichelförmigen, gelben Drüsen. Frucht mit halbkugeligen Warzen.

Blütezeit: April bis Juni
Standort und Verbreitung in der Schweiz: Magerwiesen, Weiden, Wegränder / kollin-alpin / CH

Mandelblättrige Wolfsmilch (Euphorbia amygdaloides)

30–60 cm hoch, mit zahlreichen sterilen Trieben, die überwintern, dann verholzen und blühende Stängel treiben. Überwinterte Blätter verkehrt eilanzettlich, in einen Stiel verschmälert, 3–7 cm lang, dunkelgrün, derb. Blätter an den blühenden Stängeln kleiner, hellgrün, weich. Teilblütenstände end- und seitenständig. Tragblätter verwachsen. Hüllbecher mit sichelförmigen, gelben oder roten Drüsen. Frucht glatt, 3,5–4 mm lang.

Blütezeit: April bis Juni
Standort und Verbreitung in der Schweiz: Laubmischwälder, auf Kalk / kollin-montan / J, M, zerstreut A

Süsse Wolfsmilch (Euphorbia dulcis)

5–45 cm hoch, meist mit mehreren unverzweigten, runden Stängeln, kahl oder zerstreut behaart. Blätter wechselständig, länglich-lanzettlich, 2-6 cm lang, ganzrandig oder sehr fein gezähnelt, unterseits blaugrün. Gesamtblütenstand doldig, mit höchstens 5 Strahlen, diese meist einmal gabelig verzweigt. Tragblätter drei-eckig, nicht verwachsen. Hüllbecher mit ovalen, oft roten Drüsen. Frucht 3–3,5 cm lang, zerstreut warzig.

Blütezeit: April bis Juni
Standort und Verbreitung in der Schweiz: Gebüsche, Laubwälder / kollin-montan(-subalpin) / CH (fehlt im Engadin)

Warzige Wolfsmilch (Euphorbia verrucosa)

25–50 cm hoch, mit verholzter Basis und zahlreichen bogig aufsteigenden, unverzweigten Stängeln. Blätter wechselständig, oval, 2–5 cm lang, vorn sehr fein gezähnt (Lupe). Dolde meist 5strahlig, die Strahlen nicht oder nur einmal gabelig verzweigt, die Gabelstrahlen drei-ästig. Tragblätter oval oder lanzettlich, nicht verwachsen, gelb oder orange. Hüllbecher mit ovalen, gelben Drüsen. Frucht warzig, 3–4 mm lang.

Blütezeit: Mai bis Juni
Standort und Verbreitung in der Schweiz: Trockenwiesen, Föhrenwälder, auf Kalk / kollin-montan / Besonders J, sonst zerstreut

Wald-Bingelkraut (Mercurialis perennis)

20–40 cm hoch, unverzweigt, nur oben beblättert, zerstreut rauhaarig, zweihäusig. Blätter gegenständig, 4–12 cm lang, die oberen grösser als die unteren, meist über 5 mm lang gestielt, eilanzettlich, etwas zugespitzt, mit stumpfen Zähnen. Blüten klein, grünlich, ohne Krone, in lang gestielten, knäueligen Blütenständen in den oberen Blattwinkeln. Frucht zwei-fächerig, Durchmesser ca. 2 mm, Stiel viel länger als die Frucht.

Blütezeit: März bis April (bis Juni)
Standort und Verbreitung in der Schweiz: Buchen- und Mischwälder, meist in grossen Beständen / kollin-montan(-subalpin) / CH (fehlt im Engadin)