Die verheerenden Erdrutsche, die unsere Auffang- und Pflegestation Ende November 2024 getroffen hatten, zerstörten auch das Waldstück, wo die jungen Orang-Utans für das Überleben im Regenwald trainierten. In der Waldschule lernen die Orang-Utans ihrem Alter entsprechende Fähigkeiten wie klettern, Nahrung suchen und den Nestbau. Wir unterteilen die sogenannte «Forest School» in drei Klassen, die den Entwicklungsstufen der jungen Menschenaffen entsprechen:
Orang-Utans, die jünger als ein Jahr alt sind, werden zunächst von den Tierpfleger:innen eng betreut und brauchen noch sehr viel Nähe. An Bambuskonstruktionen in der Nähe ihres Geheges sammeln sie erste Klettererfahrungen. Die neugierigen Säuglinge erkunden diesen Kletterbereich noch sehr vorsichtig.

In der «Infant Forest School» werden junge Orang-Utans mit strukturierten, spielerischen Übungen in einer speziell ausgestatteten Umgebung gefördert. Sie trainieren bereits in höheren Kletterbereichen ihre Geschicklichkeit und Beweglichkeit mit Unterstützung von Seilen, Hängematten und anderen Elementen. Ziel ist es, ihre psychische Widerstandsfähigkeit, ihr Selbstvertrauen und ihre Anpassungsfähigkeit zu stärken. Einzelne Tiere wie Cemara zeigen dabei besonders gute Fortschritte, etwa durch sicheres Klettern und geschicktes Nutzen der Seile.


Links: Cemara übt das Klettern in der Waldschule für die Kleinen. Rechts: Ein Tierpfleger bringt die Jungen in die Waldschule für Fortgeschrittene.
In der nächsten Phase, der «Social Forest School», nehmen ältere Jungtiere an einem gezielten Überlebenstraining teil. Hier stehen zentrale Fähigkeiten für ein Leben in der Wildnis im Fokus, darunter die selbstständige Nahrungssuche, die Orientierung und Fortbewegung in den Bäumen sowie der Bau von Schlafnestern.

Sobald die Orang-Utans fünf bis sechs Jahre alt sind, beurteilen unsere Fachpersonen ihr Verhalten. Entspricht es den Freilassungs-Kriterien und zeigen sie ein stabiles Sozialverhalten, werden sie schrittweise auf die Auswilderung vorbereitet. Dazu bringen wir sie in eine der beiden geschützten Regenwälder nach Jantho oder Jambi, wo sie zunächst unter ständiger Beobachtung stehen und sich an die vorhandene Nahrung gewöhnen, bevor sie endgültig freigelassen werden und selbstständig in der Wildnis leben können.

«Die Waldschule ist ein zentraler Bestandteil des Rehabilitierungsprozesses. Sie gibt den Orang-Utans die Chance, die erforderlichen Fähigkeiten zu entwickeln und sich auf ein eigenständiges Leben in der Wildnis vorzubereiten – ein entscheidender Schritt zurück in die Freiheit und ein wertvoller Beitrag zum Schutz ihrer Art.»
Brigitte Spillmann, Programmleiterin Indonesien