Dr. Ian Singleton über 30 Jahre Sumatra-Orang-Utan-Schutzprogramm

-
Der Brite Ian Singleton gründete 1997 gemeinsam mit Regina Frey das Sumatra-Orang-Utan-Schutzprogramm. In diesem Interview blickt unser Orang-Utan-Experte, der in Medan lebt, auf 30 Jahre Natur- und Artenschutz für Orang-Utans und ihren Lebensraum zurück.

Dr. Ian Singleton über 30 Jahre Sumatra-Orang-Utan-Schutzprogramm

-
Der Brite Ian Singleton gründete 1997 gemeinsam mit Regina Frey das Sumatra-Orang-Utan-Schutzprogramm. In diesem Interview blickt unser Orang-Utan-Experte, der in Medan lebt, auf 30 Jahre Natur- und Artenschutz für Orang-Utans und ihren Lebensraum zurück.

Wie kam es dazu, dass du mit Orang-Utans arbeitest?

Als kleines Kind war ich Vogelbeobachter, und als Teenager begann ich mich sehr für Reptilien und Amphibien zu interessieren, besonders für Schlangen. Ich las die Bücher von Gerald Durrell, der den Jersey Zoo auf den britischen Kanalinseln mit dem Ziel gründete, gefährdete Arten zu schützen. Es war mein Ziel, eines Tages in diesem weltweit führenden Zoo zu arbeiten. Nach meinem Abschluss in Umweltwissenschaften war ich zunächst in einigen Zoos in Grossbritannien tätig, arbeitete dort jedoch hauptsächlich mit Raubtieren und Huftieren. Dann, im Jahr 1989, bekam ich endlich die Gelegenheit, im Jersey Zoo zu arbeiten – mit Orang-Utans und Gorillas. Mit der Zeit entwickelte ich eine tiefe Faszination für Orang-Utans. Im Gegensatz zu den geselligeren Menschenaffen wie Gorillas und Schimpansen sind Orang-Utans weniger sozial. Dadurch ist ihr Handeln für uns Menschen weniger offensichtlich und verständlich. Was treibt sie an? Wovon wird ihr Verhalten beeinflusst? Schliesslich wurde mir klar, dass sie fast ausnahmslos aus eigenem Interesse handeln. Als ich das einmal begriffen hatte, ergab ihr Tun für mich vollkommen Sinn.

«Orang-Utans sind weniger sozial als andere Menschenaffen. Deshalb ist ihr Handeln für uns Menschen weniger gut zu verstehen als bei anderen Menschenaffenarten.»

Dr. Ian Singleton OBE
Senior Advisor, PanEco

Während meiner Zeit im Jersey Zoo reiste ich einige Male nach Indonesien, um Orang-Utans in freier Wildbahn zu beobachten. Nachdem ich Primatologen wie Dr. Carel van Schaik kennengelernt hatte, beschloss ich, die Welt der Zoos zu verlassen. 1996 zog ich nach Sumatra, um wilde Orang-Utans in den Sumpfwäldern von Suaq Balimbing zu studieren.

Hat sich die Situation für Orang-Utans auf Sumatra seitdem verändert?

Als ich Anfang der 1990er Jahre zum ersten Mal nach Indonesien kam, wurden noch legal riesige Waldflächen gerodet und in Ölpalmenplantagen umgewandelt. Auf Sumatra geschieht dies heute praktisch nur noch illegal, da die meisten Waldgebiete, die rechtlich für eine Umwandlung zur Verfügung standen, bereits verloren gegangen sind. Davon betroffen ist zum Beispiel das Schutzgebiet des Singkil Swamps Wildlife Reserve, das Teil des Leuser-Ökosystems ist.

Auch die Zahl der illegal als Haustiere gehaltenen Orang-Utans scheint auf Sumatra zurückzugehen im Vergleich zu früher, wo noch intensiver abgeholzt wurde. Die Orang-Utans, die zu uns in die Auffang- und Pflegestation kommen, stammen oft aus Konflikten zwischen Orang-Utans und Menschen. Wo Wälder gerodet werden, haben Orang-Utans oft keine andere Wahl, als in nahegelegenen Gärten und Plantagen nach Nahrung zu suchen. Es kann sein, dass in solchen Situationen die ausgewachsenen Tiere getötet werden. Überlebt ein Jungtier, wird es mitgenommen und illegal als Haustier gehalten oder in den illegalen Wildtierhandel verkauft. Kommt es jedoch zu einer Beschlagnahmung durch die Behörden, werden sie in unsere Auffang- und Pflegestation gebracht, wo sie eine zweite Chance erhalten, wieder wilde Orang-Utans zu sein.

So klein wie dieser Orang-Utan-Säugling sind viele der Tiere, die nach der Konfiszierung in die Auffang- und Pflegestation gebracht werden. Der Orang-Utan wird etwa bis zu seinem siebten Lebensjahr in der Auffangstation aufwachsen.

Gab es in den vergangenen 30 Jahren wesentliche Veränderungen im Orang-Utan-Schutz?

In enger Zusammenarbeit mit anderen Naturschützer:innen und Organisationen ist es uns gelungen, mehrere Infrastruktur- und Energieprojekte zu stoppen, die wichtige Lebensräume der Orang-Utans bedrohten. Einige Palmölunternehmen, die illegal Torfmoorwälder abbrennen, erhielten nach einer Strafverfolgung hohe Geldstrafen – die höchsten, die jemals in Indonesien verhängt wurden. NGOs, die auf Sumatra tätig sind, sind heute auch erfahrener, um illegale Aktivitäten auf allen Ebenen zu bekämpfen.

Eine wesentliche Veränderung in den letzten Jahren ist die verstärkte Strafverfolgung. Bis etwa 2010 waren Festnahmen und Strafverfolgungen sehr selten, und die Täter mussten praktisch keine Konsequenzen befürchten. Heute werden Strafverfahren gegen Personen, die Orang-Utans Schaden zufügen oder versuchen, sie zu verkaufen, immer häufiger. Solche Fälle erregen grosse Aufmerksamkeit in der Presse und in den sozialen Medien und haben dadurch eine abschreckende Wirkung. Gleichzeitig beobachten wir einen neuen Trend: Orang-Utans werden immer öfter ins Ausland geschmuggelt und landen zum Beispiel in den Golfstaaten oder sogar in Indien .

Für die Jungtiere ist die Gefahr sehr gross, dass sie bei einem Mensch-Wildtierkonflikt verkauft werden und in den illegalen Wildtierhandel gelangen. In der Auffang- und Pflegestation erhalten sie eine zweite Chance, eines Tages im Regenwald frei zu leben.

Hattest du unvergessliche Begegnungen mit Orang-Utans?

Im Jersey Zoo lebte ein weiblicher Orang-Utan namens Selatan. Eines Tages überraschte sie uns alle. Wir beobachteten, wie sie immer wieder Brotstücke in Richtung von einem Spatz in der Nähe warf. Jeder Wurf war ein wenig kürzer als der Vorherige, und der Spatz kam immer näher, um das Brot zu ergattern. Schliesslich war er nah genug, dass sie ihn schnappen konnte. Sie hatte dies offensichtlich im Voraus geplant und eine regelrechte Falle gestellt, um ihn zu fangen!

Ich erinnere mich auch an ein Weibchen, Mega, das in den Sumpfwäldern von Suaq Balimbing lebte, wo ich meine Forschungsarbeit machte. Mega überraschte uns alle mehrmals mit sogenannten «long calls» – lauten, weitreichenden Lauten, die eigentlich nur erwachsene Männchen von sich geben.

Ein drittes Beispiel, an das ich mich gut erinnere, ist die Geschichte mit Udin – ein besonders schlauer Orang-Utan. Er wurde in unserer Auswilderungsstation in Jantho in die Wildnis freigelassen. Doch statt immer tiefer in den Wald abzutauchen, schien er dem Fluss abwärts zu folgen. Ein paar Tage nach seiner Auswilderung wurde er in einem Dorf am Waldrand unter einem Haus entdeckt, wo er den Motor eines Motorrads Stück für Stück auseinanderbaute. Als das Team eintraf, um ihn zurück zur Auswilderungsstation zu bringen, hatten sie keine Transportbox für ihn dabei. Also setzten sie ihn einfach auf den Rücksitz ihres Motorrads und fuhren den Orang-Utan so den ganzen Weg zurück zum Camp.

Die Auswilderungsstation befindet sich tief in einem geschützten Wald. Die Strasse ist absichtlich schlecht befahrbar, damit möglichst wenig Menschen dorthin kommen.

Wenn du einen Wunsch frei hättest, was würdest du dir wünschen?

Ich wünsche mir, dass die Menschen erkennen, wie kurzsichtig die Zerstörung der tropischen Regenwälder weltweit ist. Sie bringt einigen wenigen Akteuren kurzfristige Gewinne, zerstört aber langfristig das wirtschaftliche und ökologische Potenzial ganzer Regionen. Ihre Zerstörung verschärft zudem die Klimakrise, indem riesige Mengen an CO2 in die Atmosphäre freigesetzt werden, was letztlich unsere eigene Zukunft als Spezies gefährdet.

Ich wünsche mir ausserdem, dass die Menschen aktiver werden, wenn es darum geht, die verantwortlichen Unternehmen und Einzelpersonen zur Rechenschaft zu ziehen. Informierte Verbraucher:innen und engagierte Bürger:innen müssen den nötigen Druck aufbauen, damit die Wirtschaft ihre derzeitige Vorgehensweise ändert und sicherstellt, dass der Natur- und Artenschutz langfristig erfolgreich ist.

Wenn wir Regenwälder abholzen, zerstören wir nicht nur den Lebensraum der Orang-Utans, sondern auch unseren eigenen Lebensraum!

Meine Spende für Umweltbildung, Artenschutz und bedrohte Lebensräume
Freibetrag CHF
Nach oben scrollen