Welche Greifvögel sind bedroht – und warum?

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Flora & Fauna Schweiz, Greifvögel Schweiz, Nachhaltige Entwicklung
Manche sehen wir oft, andere nie. Was braucht es, damit Greifvögel und Eulen sich bei uns wohl fühlen und vermehren und was schadet ihnen? Wir fragten einen, der es wissen muss, unseren Leiter der Greifvogelstation, Andi Lischke.

Redaktion (Red.): Andi Lischke, man sieht vermeintlich immer mehr Rotmilane bei uns in der Schweiz. Der Mäusebussard verschwindet hingegen. Ist das tatsächlich so?

Andi Lischke (A.L:): Das ist ein schönes Beispiel, denn es zeigt, wie uns der Augenschein trügen kann. Mäusebussarde sind tatsächlich nicht bedroht, es gibt in der Schweiz 15’000 bis 20’000 Paare. Da sie sich von Siedlungen fern halten, sieht man sie aber seltener als Rotmilane, von denen es in der Schweiz nur ca. 2800 bis 3500 Paare gibt.

Red. : Was machen die Rotmilane falsch, bzw. die Mäusebussarde richtig?

A.L.: So kann man das nicht sagen, aber Rotmilane waren früher schon noch seltener als heute. Wie viele andere sind Rotmilane Opfer unserer intensiv bewirtschafteten landwirtschaftlichen Flächen. Aber sie nutzen auch den Siedlungsraum zur Nahrungssuche und werden seit einigen Jahren im Winter gefüttert. Ich vermute, dass das auch ein Grund ist dafür, dass der Bestand zumindest bei uns in der Schweiz anwächst. Mit ihren grossen Flügeln können sie sehr lange in der Luft schweben und vor dort ein grosses Gebiet beobachten, so dass ihnen kaum eine potenzielle Beute entgeht. So finden sie bei uns ausreichend Nahrung.

Ein Rotmilan erkennt man im Flug an seinem gegabelten Stoss. Bild © Andoni Lopez – Andographie

Red.: Was bedroht prinzipiell den Fortbestand einer Art und was hilft, damit sie überleben kann?

A.L: Es ist in den allermeisten Fällen unsere sehr stark von menschlichen Bedürfnissen und Nutzungen geprägte Umwelt, die den Vögeln zu schaffen macht. Manche finden dort aber eine neue Nische, andere konnten sich weniger gut anpassen.    

Red.: Welche zum Beispiel?

A.L.: Die Bussarde sind ein gutes Beispiel. Mäuse finden sich meistens genug, auch auf landwirtschaftlich stark genutzten Flächen oder Weiden. In harten oder schneereichen Wintern, wenn es schwierig werden könnte, genug Mäuse zu fangen, zieht der Mäusebussard zudem Richtung Süden. Mäuse gibt es überall. Der Wespenbussard hingegen ist sehr selten, denn er ernährt sich und vor allem seine Jungtiere mit Waben von Wildbienen und Wespen, die er aus dem Boden ausgräbt. Aber in intensiv bewirtschafteten Ackerflächen gibt es kaum noch solche Boden-Nester.

Red.: Und Falken, wie steht es um sie?

A.L.: Auch hier muss man differenzieren. Die Turmfalken haben sich gut an die von Menschen geprägte Welt angepasst und sie nisten in verschiedenen Gebäuden. Dort werden allerdings Nester, die zu sehr der Hitze ausgeliefert sind sowie sehr steile glatte Mauern für die Küken zur Gefahr. Insgesamt sind die Turmfalken aber nicht gefährdet. Viel seltener sind die Wanderfalken. Sie werden als angebliche Taubenjäger noch immer vergiftet und verfolgt. Ganz ähnlich sieht es bei den Eulen aus. Während der Waldkauz sehr häufig ist, weil er nicht so wählerisch ist bei der Wahl seiner Bruthöhlen, ist der Steinkauz stark gefährdet.  Er benötigt Streuobstwiesen mit altem Baumbestand, gerne auch mal ein altes Gemäuer. Im Umfeld brauch er flachwüchsige Flächen zur Nahrungssuche.

Dieser vier Turmfalken sind aus dem Nest gefallen, wuchsen bei uns auf und konnten wieder in die Freiheit entlassen werden.

Red.: Gibt es noch Beispiele, bei denen es Vögeln gut gelungen ist, sich anzupassen?

A.L.: Meistens glückt eine Anpassung nur teilweise, zum Beispiel dem Sperber. Diese kleinen habichtartigen Vögel jagen andere, kleinere Vögel, die wiederum früher vor allem in naturnahen Hecken in der freien Feldflur zu finden waren. Diese Hecken gibt es heute wesentlich seltener. Dafür nutzen immer mehr Menschen auch in ländlichen Gebieten ihre Gärten anders als früher. Die einst üblichen Nutzgärten verschwinden zunehmend und werden durch Ziergärten ersetzt, was den Singvögeln eigentlich besser gefällt. Wir beobachten also vermehrt Sperber, die in der Nähe der Ziergärten kleine Vögel jagen. Deshalb werden uns jetzt häufiger Sperber in die Greifvogelstation gebracht, die in Fensterscheiben geflogen sind, denn so etwas gibt es in der Natur nicht. Grosse Fensterscheiben sind übrigens generell eine grosse Gefahr für viele Vögel, denn sie können ein Hindernis, das durchsichtig ist, nicht als solches erkennen.

Red.: Letztlich sind es also mehrheitlich wir Menschen, die direkt oder indirekt eine Tierart bedrohen?

A.L: So sehe ich es, ja. Und deshalb ist die Greifvogelstation für mich auch eine Art Wiedergutmachungsprogramm für Greifvögel und Eulen.

Andi Lischke prüft den Flügel eines Mäusebussards. Bild © Adrian Baer/Tierwelt
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