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VOM KANAL ZUM LEBENDIGEN FLUSS

Vor genau 10 Jahren begann die Renaturierung der Thurauen. Durch die Arbeiten hat sich das Gebiet verändert, noch mehr hat aber die Thur selbst bewirkt. Heute sind die Thurauen wieder eine lebendige, dynamische Auenlandschaft mit viel Raum für Mensch und Natur.  

von: Petra Zajec

Das Projekt
Nach langen Jahren der Verhandlungen und Planungen erfolgte 2008 der Startschuss zur Renaturierung der Thurauen. Die Federführung für dieses Projekt lag bei der Baudirektion des Kantons Zürich, die drei grosse Ziele damit verfolgte: den Hochwasserschutz für das Flaachtal und Ellikon am Rhein zu verbessern, die Auenlandschaft wieder zu beleben und die Thurauen als Erholungsgebiet zu erhalten. Um diese Ziele zu erreichen, wurden unter anderem Hochwasserschutzdämme errichtet, Landwirtschaftsflächen aufgeschüttet, Teiche und Furten angelegt, Naturwaldreservate ausgeschieden, eine Schutzverordnung erlassen sowie das Naturzentrum und der Rangerdienst gegründet. Das Herz des Projektes aber war die Renaturierung der Thur auf ihren letzten fünf Kilometern vor der Mündung in den Rhein.

Damit die Thur wieder die Ufer selbst gestalten, bestimmte Flächen überfluten und ihren Lauf verändern kann, wurden sämtliche Uferverbauungen entfernt. Zudem erhielt sie eine Starthilfe in Form von sogenannten Aufweitungen: An drei Stellen wurde ein Stück Ufer weggebaggert und je eine Kiesbank aufgeschüttet. Damit der Auenwald wieder überflutet werden kann, wurden Furten angelegt. Diese Absenkungen ermöglichen bei hohen Wasserständen, dass die Thur wieder durch ihre Altläufe fliessen kann. Das übergeordnete Ziel für den Naturschutz war, die natürliche Dynamik einer Flussaue wieder herzustellen. Dadurch sollen die typischen Lebensräume von alleine wieder entstehen und seltene oder gar verschwundenen Tier- und Pflanzenarten zurückkehren.

Alle baulichen Massnahmen wurden im Herbst 2017 abgeschlossen. Der Erfolg des Projektes und die Entwicklung der Thur werden aber weiterhin genau überwacht. Insgesamt sechs Monitoring-Programme beschäftigen sich mit der Flussmorphologie sowie Flora und Fauna.

Der Fluss
Wer die Thur von früher kennt, für den sind die Veränderungen offensichtlich. Vor zehn Jahren war sie noch in einen geraden Kanal gezwängt, das steile Ufer mit Betonplatten verbaut. Heute beginnt die Thur wieder in Mäandern zu fliessen und sie formt die Ufer ständig um. Durch Erosion und Ablagerung sind steile Uferböschungen und flache Kiesbänke entstanden. Das Wasser fliesst an manchen Stellen sehr schnell, an anderen scheint es fast zu stehen oder fliesst sogar Rückwärts. Das verdeutlicht, dass der Fluss nun wieder verschiedene Strukturen aufweist und unterschiedliche ökologische Nischen entstanden sind. Und die Thur verlagert sich: Unterhalb der Ellikerbrücke ist das Ufer heute rund 30 Meter weiter südlich als vor zehn Jahren.

Wo wird die Thur in 10 Jahren oder 20 durchfliessen? Nun, sicher nicht an der gleichen Stelle wie heute. Aber sicherlich auch weiterhin innerhalb des Schutzgebietes, denn eine Grenze wurde bereits im Projekt eingeplant. Bis zu dieser sogenannten Beurteilungslinie darf die Thur sich frei entfalten, stösst sie aber an diese Linie, werden die Fachleute neu über Massnahmen entscheiden. Wann diese Grenze erreicht wir, hängt stark vom Wasserstand der Thur ab. Grössere Hochwasser wie im Juni 2013 bringen enorme Veränderungen in sehr kurzer Zeit, in trockenen Jahren wie diesem verändern sich die Ufer hingegen nur wenig. Praktisch unverändert zeigt sich bis heute nur die Mündung selbst mit dem Thurpitz. Hier hat die Thur bei normalen Wasserständen offenbar zu wenig Strömung, um grosse Uferverschiebungen zu bewirken.

Flora und Fauna
Von der neuen Dynamik an der Thur profitieren zahlreiche Tiere und Pflanzen. Nur ein Jahr nach Beginn der Renaturierung kehrte der Flussregenpfeifer zurück. Dieser Vogel brütet auf offenen Kiesbänken und ist somit auf einen sich ständig verändernden Lebensraum angepasst. Seit 2011 brütet er wieder regelmässig in den Thurauen – der Erfolg ist allerdings stark abhängig vom Wasserstand. Ebenfalls sehr rasch wurde die befreite Thur von den Bibern erobert. Mit der Entfernung der Verbauungen bekamen sie die Möglichkeit, Uferbauten anzulegen. Sie haben aber auch die Zuflüsse der Thur, den Mederbach und den Schüepbach, besiedelt und mit ihren Bauwerken zur Renaturierung beigetragen. Heute leben acht Biberfamilien in den Thurauen, wobei der Bestand damit eine natürliche Obergrenze erreicht hat. Eher unscheinbar, aber nicht minder wertvoll, sind die drei neuen Arten von Wildbienen, die 2012 nachgewiesen werden konnten. Die offenen und trockenen Uferbereiche und lichten Wälder sind für bodenbrütende Arten ideal. Die neu angelegten Teiche wurden von den Amphibien und Libellen gut angenommen. Praktisch überall sind Kammmolch und Laubfrosch zu finden, aber auch der seltene Springfrosch konnte profitieren. Nur die Gelbbauchunke ist weiterhin selten, denn als Spezialist für kahle, unbewachsene Tümpel findet sie nur in ganz neuen Teichen oder nach Überschwemmungen ideale Bedingungen.

Die Fischbestände wurden bisher noch nicht wissenschaftlich überprüft. Beobachtungen weisen jedoch darauf hin, dass auch sie von den natürlichen Strukturen profitieren. In den ruhigen Bereichen tummeln sich zahlreiche Jungfische, in den flachen Abschnitten können Barben und Karpfen beim Laichen beobachtet werden und Forellen bevorzugen die tieferen Stellen. Es bleibt nur zu hoffen, dass die diesjährige Hitze und Trockenheit nicht alle Fische dahingerafft hat… Schliesslich ist auch das Symboltier der Thurauen auf einen gesunden Fischbestand angewiesen: Der Eisvogel. Neben ausreichend Kleinfischen benötigt er steile, sandige Ufer, wo er seine Bruthöhle anlegen kann. Diese findet er nun an mehreren Stellen wieder in den Thuauen und so ist der Brutbestand von Null auf beachtliche 4 bis 6 Brutpaare angestiegen.

Und wie sieht es mit der Pflanzenwelt aus? Da Pflanzen generell weniger mobil sind als Tiere, brauchen Veränderungen auch mehr Zeit. Dennoch, sie sind schon nach zehn Jahre sichtbar. Auf den Kiesbänken und in den offenen Uferbereichen wachsen mittlerweile zahlreiche junge Weiden und Pappeln. Sie brauchen das Licht, überstehen mit ihren schmalen Blättern und äusserst biegsamen Zweigen aber auch Überschwemmungen unbeschadet. Wenn sich die Thur weiter verlagert und sich diese Bäume auf den Kiesbänken behaupten können, werden hier in 20, 30 oder 50 Jahren wieder neue Auenwälder entstehen.

Der Mensch
Last but not least bleibt zu klären, was sich für die Menschen in den letzten zehn Jahren in den Thurauen verändert hat. Zu Beginn sorgten die Veränderungen für viele Emotionen und Unverständnis. Gefällte Bäume, Bagger in der Thur und Tausende von LKW-Fahrten hatten für viele nichts mit Naturschutz zu tun. Dann verschwanden die alten Uferwege und eine Schutzverordnung gab plötzlich Regeln vor. Es ist verständlich, dass diese Neuerungen mancherorts auf wenig Begeisterung stiessen.

Doch gleichzeitig begann die Natur den Raum zurück zu erobern. Es entstanden wunderbare Kiesbänke, die kahlen Teiche wuchsen rasch ein und wurden von Fröschen und Libellen besiedelt und die Lichten Wälder entwickelten sich zu einer wunderbaren Parklandschaft. In nur wenigen Jahren war kaum noch zu erkennen, wo die schweren Maschinen am Werk waren. Die neu geschaffenen Feuerstellen und Aussichtsplattformen wurden zum Ausflugsziel für den Sonntagsspaziergang und die Nachfrage nach Informationen und aktuellem Kartenmaterial ist bis heute enorm. Die ursprüngliche Skepsis hat sich gelegt, bei manchem sogar in wahre Begeisterung gewandelt. Oder wie es ein Besucher ausdrückte: «Ich konnte mir ja nicht vorstellen, wie schön das wird!» Ja, es gelten nun gewisse Regeln, aber man weiss warum und die landschaftliche Schönheit der renaturierten Thurauen sowie die guten Chancen, seltene Tiere und Pflanzen beobachten zu können, machen das mehr als wett. So haben sich auch die Besucherinnen und Besucher etwas gewandelt, denn sie kommen vermehrt gezielt in die Thurauen, um die Natur hier zu geniessen und Vögel zu beobachten. Natürlich werden die Thurauen aber auch weiterhin zum Baden, Bootsfahren und für Pfingstlager genutzt.

Nicht zu vergessen, bleibt der Hochwasserschutz: Im Juni 2013 hat sich gezeigt, dass die ergriffenen Massnahmen gegen Überschwemmungen auch wirksam sind. Und die Landwirte sind mit der Aufwertung ihrer Böden zufrieden. Alles in Allem also ein Happy End? Jein. Vieles hat sich sehr positiv entwickelt, es bliebt aber auch immer noch viel zu tun. Zum Beispiel die Beschilderung aktuell zu halten, die jährliche Neophytenbekämpfung und die regelmässigen Erfolgskontrollen. Zudem  gibt es nach wie vor ungelöste Fragen wie die Erschliessung der Thurauen mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Vor allem aber ist der Abschluss der Renaturierung nicht das Ende, sondern tatsächlich erst der Anfang: Der Anfang einer natürlichen Entwicklung der Thurauen, die der Mensch ab jetzt nur noch begleitet und bei der die Veränderung die einzige Konstante ist.

Die Renaturierung im Detail
> Berichte der Erfolgskontrollen (Monitorings)
> Die Schutzverordnung
> Der Rangerdienst

 

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